Tarzan sitzt grimm im Baum, leer, voll neidischer Finsternis. Unter ihm das Dorf, der Kochtopf, die Krieger – und er, der größte Jäger des Dschungels, ausgehungert wie ein räudiger Schakal. Edgar Rice Burroughs kennt man als Schöpfer des edlen Dschungelhelden, des zivilisierten Wilden, der zwischen zwei Welten wandelt. Doch in „Tarzans Alptraum“ schält er die Mythologie ab wie verfaulte Rinde. Was übrig bleibt, ist verstörend: ein hungriges Tier auf zwei Beinen, getrieben von Urinstinkten, die keine moralischen Schranken kennen. Hier gibt es keinen strahlenden Helden, der Jane aus den Klauen böser Männer rettet. Stattdessen kriecht etwas Dunkleres durch die Seiten – eine Erkundung dessen, was passiert, wenn der zivilisierte Firnis vollständig wegbricht. Burroughs, sonst Meister der Abenteuerromantik, betritt mit diesem Text Terrain, das eher Conrad oder London zugehört. Der psychologische Horror liegt nicht in übernatürlichen Schrecken, sondern in der Erkenntnis, wie dünn die Grenze zwischen Mensch und Bestie wirklich ist. Diese Neuinterpretation der Tarzan-Figur liest sich wie ein fiebriger Traum, der die gesamte Franchise in ein anderes Licht rückt.
Worum geht es in Tarzans Alptraum?
Tarzan hungert. Das ist der Ausgangspunkt, simpel und brutal. Die Jagd war erfolglos, sein Magen knurrt, und dort unten im Dorf von Häuptling Mbonga brodelt ein Kochtopf voller Fleisch. Die Schwarzen feiern, während er im Baum sitzt und wartet. Was folgt, ist keine klassische Tarzan-Geschichte mit klarer Handlung, spektakulären Kämpfen und Happy End. Stattdessen gleitet die Erzählung in surreale, verstörende Dimensionen ab.
Burroughs konstruiert eine Abwärtsspirale: Tarzan, reduziert auf seine animalischsten Instinkte, beginnt zu halluzinieren. Die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellung verschwimmen. Der Dschungel selbst wird zur bedrohlichen Entität, nicht mehr vertrautes Zuhause, sondern fremdartige, feindliche Welt. Szenen fragmentieren, Zeitgefühl zerfällt, und plötzlich befindet sich Tarzan in Situationen, die keinen rationalen Sinn ergeben. Ist er noch im Baum? Jagt er? Oder ist er längst selbst zur Beute geworden?
Der zentrale Konflikt ist nicht extern – kein böser Schurke, keine Rettungsmission. Es ist der Kampf gegen die eigene Natur. Tarzan muss erkennen, dass die Wildnis, die er als sein Königreich betrachtet, ihn jederzeit verschlingen kann. Die Zivilisation, die er oft verachtet, ist vielleicht der einzige Schutz vor dem kompletten Absturz in tierische Bewusstlosigkeit. Burroughs zeigt einen Protagonisten am Rande des Zusammenbruchs, psychisch wie physisch. Das „Alptraum“ im Titel ist wörtlich zu nehmen: Die Handlung folgt Traumlogik, nicht linearer Erzählstruktur. Es ist wie ein Kammerspiel im Kopf eines Mannes, der langsam den Verstand verliert.
Die Figuren
Tarzan selbst ist hier nicht der strahlende Held früherer Romane. Burroughs dekonstruiert seine eigene Schöpfung. Dieser Tarzan ist hungrig, gereizt, irrational. Er beneidet die schwarzen Krieger um ihr Essen, denkt über Mord nach, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus purem Neid. Seine Gedanken kreisen obsessiv um den Kochtopf, um Fleisch, um das Stillen des nagenden Hungers. Das Tier in ihm übernimmt die Kontrolle. Was ihn interessant macht: Burroughs lässt ihn diese Transformation bewusst erleben. Tarzan weiß, dass er abrutscht, kann es aber nicht aufhalten. Diese Selbstwahrnehmung des eigenen Kontrollverlusts erzeugt echten psychologischen Horror.
Mbonga und seine Krieger bleiben Statisten, fast wie Kulisse. Sie werden nicht charakterisiert, dienen nur als Projektionsfläche für Tarzans Obsessionen. Das ist gewollt – die Erzählung findet ausschließlich in Tarzans Kopf statt. Andere Figuren existieren nur, insofern sie in seinem zunehmend verzerrten Weltbild Platz finden.
Interessanterweise tauchen Erinnerungsfragmente anderer Charaktere auf – Jane, frühere Gefährten. Aber sie erscheinen wie Geister, unwirklich, fern. Tarzan kann sich kaum noch an sein zivilisiertes Ich erinnern. Diese Entfremdung von der eigenen Vergangenheit verstärkt das Gefühl der Desorientierung. Wir sehen einen Mann, der buchstäblich vergisst, wer er einmal war.
Die eigentliche Hauptfigur ist letztlich der Dschungel selbst. Burroughs personifiziert die Wildnis als gleichgültige, hungrige Macht. Sie fordert Tribute, verschlingt Schwache, toleriert keine Fehler. In Tarzans halluzinierenden Zuständen wird der Dschungel fast lovecraftianisch – eine fremde, unverständliche Entität, die sich menschlicher Kategorisierung entzieht.
Schreibstil und Atmosphäre
Burroughs schreibt hier knapper als gewohnt. Kurze Sätze, harte Schnitte. Die Sprache ist karg, fast ausgedörrt – passend zu Tarzans körperlichem Zustand. Keine ausschweifenden Naturbeschreibungen, wie sie sonst seine Dschungelromane prägen. Stattdessen reduzierte, klaustrophobische Bilder: der Baum, der Kochtopf, die wartenden Krieger. Wenige Elemente, obsessiv wiederholt.
Die Erzählperspektive bleibt nah an Tarzan, teilweise so nah, dass man in seinen zerfallenden Bewusstseinsstrom hineingezogen wird. Gedankenströme lösen sich auf, Syntax bricht zusammen. Burroughs experimentiert mit fragmentierten Absätzen, plötzlichen Perspektivwechseln. Das Pacing ist eigenartig: Lange Passagen, in denen nichts passiert – Tarzan sitzt, wartet, hungert. Dann abrupte Ausbrüche, wirre Aktionen, deren Zusammenhang unklar bleibt.
Typische Szene: Tarzan im Baum, fokussiert auf den Kochtopf. Hundert Mal beschreibt Burroughs denselben Moment aus minimal veränderter Perspektive. Diese Repetition erzeugt Unbehagen, wie ein Stuck-in-a-loop-Alptraum. Man wartet auf Erlösung, die nicht kommt. Dann, ohne Vorwarnung, findet sich Tarzan plötzlich am Boden, ohne zu wissen, wie er dorthin gelangte.
Wer klassische Burroughs-Abenteuer erwartet, wird irritiert sein. Das hier liest sich wie Beckett trifft auf Pulp-Fiction – existenzialistisch, repetitiv, verstörend. Die Atmosphäre ist durchgehend düster, erdrückend. Keine Hoffnung, kein Licht am Horizont. Nur Hunger, Warten, Wahnsinn.
Was Tarzans Alptraum besonders macht
Burroughs wagt hier etwas Ungewöhnliches: Er zerstört seinen eigenen Mythos. Tarzan, Ikone des edlen Wilden, wird auf seine brutalste Essenz reduziert. Das erfordert Mut. Fans der Serie könnten verstört sein – dieser Text dekonstruiert alles, was Tarzan normalerweise ausmacht.
Die Horror-Elemente sind subtil. Kein Monster springt aus dem Gebüsch. Stattdessen kriecht der Schrecken aus Tarzans eigenem Geist. Diese psychologische Ebene hebt das Buch von typischen Horror-Geschichten ab. Es ist Cosmic Horror im Sinne Lovecrafts: Die Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit, die Konfrontation mit Kräften (hier die Natur), die sich nicht um menschliches Leid scheren.
Thematisch bohrt Burroughs tief: Was bedeutet Zivilisation wirklich? Ist sie nur dünner Firnis? Die Antwort, die der Text suggeriert, ist verstörend. Tarzan, der zwischen Wildnis und Kultur steht, kann in keiner Welt wirklich existieren. Er ist zu zivilisiert für den Dschungel, zu wild für London. Dieser permanente Zwischenzustand zerreißt ihn.
Überraschend ist auch die anthropologische Dimension. Burroughs zeigt Tarzan als gescheitertes Experiment. Der Versuch, zwei Welten zu vereinen, endet in Wahnsinn. Das ist düsterer, pessimistischer als alles andere in der Reihe.
Die surrealen Passagen erinnern an Kafka. Tarzan bewegt sich durch eine Welt, die ihre Logik verloren hat. Plötzlich ist der Dschungel fremd, obwohl er dort aufwuchs. Diese Entfremdung vom Vertrauten erzeugt existenzielles Grauen. Man kann sich auf nichts mehr verlassen, nicht mal auf die eigene Wahrnehmung.
Für wen ist Tarzans Alptraum das richtige Buch?
Fans klassischer Tarzan-Abenteuer sollten vorsichtig sein. Das hier ist kein Pageturner mit Schwertkämpfen und Liebesgeschichten. Es ist langsam, düster, experimental. Wer psychologischen Horror schätzt, der mehr fragt als antwortet, wird hier fündig. Leser, die Conrad’s „Heart of Darkness“ mochten – die Reise ins Unbekannte als Metapher für innere Abgründe – dürften diesen Tarzan faszinierend finden.
Auch für Liebhaber von Cosmic Horror à la Lovecraft passt das Buch. Die Mechanismen sind ähnlich: Konfrontation mit dem Unbegreiflichen, Auflösung des Selbst, Wahnsinn als logische Konsequenz existenzieller Erkenntnis. Burroughs ersetzt Lovecrafts außerirdische Entitäten durch die Wildnis selbst – mit vergleichbarem Effekt.
NICHT geeignet für: Leser, die klare Handlungen brauchen. Wer frustriert ist von fragmentierter Erzählweise und uneindeutigen Schlüssen, wird hier nicht glücklich. Auch wer Action erwartet, wird enttäuscht. Das meiste Buch besteht aus Warten, Halluzinieren, innerem Monolog.
Vergleichbar mit Jack Londons „The Call of the Wild“ – nur umgekehrt. Während London zeigt, wie ein domestiziertes Tier zur Wildnis zurückkehrt (und darin Befreiung findet), zeigt Burroughs, wie ein wilder Mensch daran zerbricht. Es ist die pessimistische Variante desselben Themas.
Wer sich auf das Experiment einlässt, bekommt einen Text, der nachhallt. Er ist unbequem, verstörend, manchmal schwer verdaulich. Aber er erweitert die Grenzen dessen, was Pulp-Literatur sein kann.
❓ Häufige Fragen zu Tarzans Alptraum
Worum geht es in Tarzans Alptraum?
Das Werk verbindet Burroughs‘ legendäre Abenteuerreihe mit kosmischem Horror-Elementen. Die Geschichte führt Tarzan in düstere, übernatürliche Welten, wo wissenschaftliche Horror-Themen auf primitive Existenzen treffen. Ein Klassiker der Pulp-Fiction, der Fantasy und existenzielle Ängste verschmilzt.
Für wen ist Tarzans Alptraum geeignet?
Das Buch richtet sich an Horror-Enthusiasten, Burroughs-Fans und Leser, die Cosmic Horror mit klassischer Abenteuerliteratur verbinden möchten. Empfohlen für Erwachsene, die psychologische Spannung und atmosphärische Dichte schätzen. Ideal für Sammler von Horror-Klassikern und Pulp-Fiction-Liebhaber.
Ist Tarzans Alptraum Teil einer Serie?
Das Werk ist Teil der erweiterten Tarzan-Universum von Edgar Rice Burroughs. Es kann als Standalone gelesen werden, bietet aber größeres Vergnügen für Leser, die mit Burroughs‘ ursprünglichen Werken vertraut sind.
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