Millionen Jahre alte Menschheit kämpft in Marshölle ums Überleben. Die Vorstellung ist grotesk: Mumifizierte Körper, die sich warm und weich anfühlen, obwohl sie seit Äonen tot sein sollten. Ein Planet, auf dem die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen, wo antike Zivilisationen in verborgenen Kerkern auf ihre Wiederentdeckung warten. Edgar Rice Burroughs liefert mit „John Carter – Die Hölle von Baarsoom“ genau das, was man von ihm erwartet – und doch etwas Verstörendes, das über seine üblichen Pulp-Abenteuer hinausgeht. Die beiden hier versammelten Geschichten zeigen den Schöpfer von Tarzan auf einem anderen Terrain: weniger Dschungel, mehr Dungeon-Atmosphäre. Weniger Noble Savage, mehr kosmischer Albtraum. Burroughs schrieb diese Mars-Geschichten in den 1940ern, als sein Stern bereits zu verblassen begann, und vielleicht spürt man genau deshalb eine gewisse düstere Resignation in diesen Texten. Das sind keine heroischen Triumphzüge mehr. Das ist Survival-Horror in einer Welt, die längst ihre besten Tage hinter sich hat.
Worum geht es in John Carter – Die Hölle von Baarsoom?
Der Sammelband vereint zwei Kurzromane, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch beide die dystopische Endzeit-Stimmung Barsoom atmen. In „Die Hölle von Barsoom“ verschlägt es den titelgebenden Helden in die vergessene Stadt Horz, eine Totenstadt voller Mumien, die nicht so tot sind, wie sie sein sollten. Carter entdeckt dort eine bizarre Zivilisation, die in einem ewigen Halbschlaf gefangen ist. Die Menschen dort sind technisch tot, aber ihre Körper bewahren eine unheimliche Lebendigkeit. Er muss herausfinden, was diese Menschen in diesen Zustand versetzt hat – und wie er selbst vermeiden kann, ihr Schicksal zu teilen.
„Die schwarzen Piraten“ setzt auf ein klassischeres Abenteuer-Setting: Carter wird von Luftpiraten gefangen genommen und als Gladiator in deren Arena gezwungen. Die schwarzen Piraten von Barsoom sind berüchtigt für ihre Grausamkeit, und Carter muss seine wahre Identität verbergen. Würden sie erkennen, wer er wirklich ist – der legendäre Kriegsherr von Helium –, wäre sein Leben verwirkt. Also kämpft er in der Arena, Gegner für Gegner, während die Uhr tickt. Jeder Sieg bringt ihm mehr Aufmerksamkeit, jede Aufmerksamkeit erhöht das Risiko der Entdeckung.
Beide Geschichten spielen mit dem Motiv der Identität und der Fremdheit. Carter ist ein Erdling auf dem Mars, ein Unsterblicher unter Sterblichen, ein Held, der seine Herkunft verschleiern muss. Burroughs nutzt das, um Spannung zu erzeugen, aber auch um existenzielle Fragen zu stellen: Was macht einen Menschen aus, wenn sein Körper versagt? Was bleibt, wenn eine Zivilisation stirbt?
Die Figuren
John Carter selbst ist das, was man heute einen „Mary Sue“ nennen würde – unbesiegbar, edel, charmant, von allen geliebt (außer von seinen Feinden, die ihn hassen, weil er so verdammt gut ist). Aber Burroughs schrieb in einer Zeit, in der solche überlebensgroßen Helden das Genre definierten. Carter ist kein komplexer Charakter. Er ist ein Ideal, eine Projektionsfläche für männliche Abenteuerphantasien der 1940er. Was ihn interessant macht, ist seine Isolation. Auf Barsoom ist er immer der Fremde, der Außenseiter. Seine Unsterblichkeit – er altert nicht – trennt ihn von allen anderen. In „Die Hölle von Barsoom“ wird das besonders deutlich, wenn er auf Wesen trifft, die in einem Zustand zwischen Leben und Tod gefangen sind. Carter erkennt in ihnen eine Spiegelung seiner eigenen Existenz: weder richtig lebendig noch wirklich tot.
Die Nebenfiguren bleiben skizzenhaft. In „Die Hölle von Barsoom“ gibt es kaum echte Dialoge – die Stadt Horz ist eine Geisterstadt, und ihre Bewohner sind mehr Zombies als Gesprächspartner. In „Die schwarzen Piraten“ tauchen einige Antagonisten auf, die aber austauschbar bleiben. Burroughs interessiert sich nicht für psychologische Tiefe. Seine Figuren funktionieren als archetypische Rollen: der Held, der Schurke, die Prinzessin (die hier allerdings nur am Rande vorkommt). Was die Geschichten tragen, ist nicht die Figurenzeichnung, sondern die Atmosphäre der Entfremdung. Carter kämpft gegen Gegner, die keine Gesichter haben, in einer Welt, die ihm fremd bleibt.
Interessant ist die Behandlung der „schwarzen Piraten“ – Burroughs‘ Rassismus ist hier weniger offen als in anderen Werken, aber die Exotisierung und Barbarisierung der nicht-weißen Marsrassen bleibt problematisch. Das muss man beim Lesen mitdenken.
Schreibstil und Atmosphäre
Burroughs schreibt knapp und direkt. Keine verschachtelten Sätze, keine lyrischen Umschweife. Action first. Die Perspektive ist durchgehend die erste Person – Carter erzählt seine Abenteuer selbst, im Rückblick. Das verleiht den Geschichten eine gewisse Unmittelbarkeit, schafft aber auch Distanz. Wir wissen, dass Carter überlebt hat, sonst könnte er nicht erzählen. Spannung entsteht nicht durch die Frage „Überlebt er?“, sondern durch „Wie kommt er da raus?“.
Die Sprache ist für heutige Verhältnisse altmodisch, aber nicht unlesbar. Burroughs benutzt viele marsianische Begriffe – Tharks, Thoats, Radium-Pistolen –, die er nur beiläufig erklärt. Wer die früheren Barsoom-Romane nicht kennt, wird sich anfangs etwas verloren fühlen. Aber das trägt auch zur Fremdartigkeit bei. Man taucht in eine Welt ein, die ihre eigenen Regeln hat, und muss sich selbst orientieren.
Die Atmosphäre in „Die Hölle von Barsoom“ ist das eigentliche Highlight. Burroughs beschreibt die Stadt Horz als labyrinthisches Gewölbe voller stiller Leichen, die auf ewig in ihrer letzten Bewegung erstarrt sind. Es gibt Szenen, in denen Carter durch endlose Korridore wandert, vorbei an Mumien, die ihn mit leeren Augen anstarren. Und dann, plötzlich, bewegt sich eine. Das ist fast schon Gothic Horror, transplantiert auf den Mars. In „Die schwarzen Piraten“ dominiert dagegen die Arena-Atmosphäre: Schweiß, Blut, brüllende Massen. Schneller, brutaler, weniger subtil.
Was John Carter – Die Hölle von Baarsoom besonders macht
Die Mischung aus Science-Fiction und Horror ist hier ungewöhnlich. Burroughs wird meist mit Abenteuer-Pulp assoziiert, nicht mit Grusel. Aber „Die Hölle von Barsoom“ spielt mit Motiven, die man eher bei Lovecraft vermutet: antike, vergessene Zivilisationen; kosmische Zeiträume, die den menschlichen Verstand übersteigen; der Verfall einst glorreicher Kulturen. Die Stadt Horz ist wie eine marsianische Version von R’lyeh – ein Ort, der nicht mehr existieren sollte, aber dennoch da ist. Die Mumien, die lebendig-tot sind, erinnern an untote Pharaonen oder an Ghouls. Burroughs bedient sich beim Horror-Genre, ohne es explizit zu machen.
Thematisch ist das interessant, weil Barsoom selbst eine sterbende Welt ist. Der Planet verliert seine Atmosphäre, seine Meere sind ausgetrocknet, seine Zivilisationen zerfallen. Die ganze Serie ist eine lange Meditation über Niedergang und Entropie. „Die Hölle von Barsoom“ treibt das auf die Spitze: eine Stadt voller Toter, die nicht sterben können. Das ist keine heroische Fantasy mehr, das ist Endzeit-Stimmung.
„Die schwarzen Piraten“ bietet dagegen klassisches Pulp-Entertainment: Schwertkämpfe, Intrigen, knapp kalkulierte Fluchten. Aber auch hier schwingt etwas Düsteres mit. Carter ist Sklave, machtlos, reduziert auf seine körperlichen Fähigkeiten. Die Arena ist ein Fleischwolf, ein Ort ohne Gnade. Burroughs beschönigt das nicht. Menschen sterben, und es ist nicht immer gerecht oder heroisch.
Für wen ist John Carter – Die Hölle von Baarsoom das richtige Buch?
Das Buch richtet sich an Leser, die Pulp-Fiction mit all ihren Macken schätzen können. Wer klare Schwarz-Weiß-Moral, schnelle Action und exotische Settings mag, wird hier fündig. Fans von Robert E. Howards Conan-Geschichten werden Parallelen erkennen: übermenschliche Helden, archaische Welten, viel Gewalt. Auch Liebhaber von Planetary Romance – jenem Subgenre, das Abenteuer auf fremden Planeten mit Schwertkampf und Romantik verbindet – kommen auf ihre Kosten.
Allerdings: Das Buch ist über 80 Jahre alt, und man merkt es. Die Geschlechterrollen sind antiquiert, die Rassendarstellungen problematisch, die Heldenverehrung grenzt ans Lächerliche. Wer moderne, differenzierte Science-Fiction erwartet, wird enttäuscht. Das hier ist keine Hard-SF mit wissenschaftlicher Genauigkeit, keine New Weird mit vielschichtigen Charakteren. Das ist Eskapismus im Reinformat, geschrieben für ein Publikum, das Ablenkung suchte, nicht Reflexion.
Nicht geeignet für: Leser, die komplexe Plots brauchen. Beide Geschichten sind linear und vorhersehbar. Auch wer tiefgründige Figurenpsychologie sucht, wird hier nicht glücklich. Carter ist ein Held ohne Zweifel, ohne innere Konflikte, ohne Entwicklung.
Vergleichbar ist das Buch mit den frühen Science-Fiction-Romanen von Jules Verne – technisch überholt, aber atmosphärisch reizvoll. Oder mit den Sword-and-Planet-Geschichten von Leigh Brackett, die allerdings besser geschrieben sind.
❓ Häufige Fragen zu John Carter – Die Hölle von Baarsoom
Worum geht es in John Carter – Die Hölle von Baarsoom?
Das Werk verbindet Burroughs‘ legendäre Mars-Welt Baarsoom mit Elementen des Cosmic Horror. Der Protagonist John Carter verstrickt sich in kosmische Machenschaften und düstere Mysterien, die die Grenzen zwischen Science Fiction und psychologischem Schrecken verwischen. Eine atmosphärische Reise in Wahnsinn und unbekannte Dimensionen.
Für wen ist John Carter – Die Hölle von Baarsoom geeignet?
Das Buch richtet sich an Leser von Cosmic Horror und psychologischen Thrillern, Fans von H.P. Lovecraft und klassischer Science Fiction sowie Liebhaber atmosphärisch dichter Literatur. Wer düstere, verstörendeAbenteuergeschichten mit Horror-Elementen schätzt, wird diesen Titel lieben.
Ist John Carter – Die Hölle von Baarsoom Teil einer Serie?
Das Werk basiert auf Burroughs‘ Mars-Zyklus, kann aber als eigenständiger Horror-Take auf das Baarsoom-Universum gelesen werden. Es ergänzt die klassische John-Carter-Reihe um eine verstörende neue Perspektive.
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