In La Spezia erscheinen die Toten nicht als Erinnerung. Sie stehen in den Gassen, lehnen an Hauswänden, blicken aus Fenstern hinaus aufs Meer. Die italienische Küstenstadt wird zum Schauplatz eines Phänomens, das die Grenze zwischen Leben und Tod verschwimmen lässt. Oliver Plaschka nimmt uns mit in eine Welt, in der das Übernatürliche nicht laut und schockierend daherkommt, sondern sich leise, fast beiläufig in den Alltag schleicht. Die Geister sind da – und niemand weiß genau, warum. Was zunächst nach einer klassischen Geistergeschichte klingt, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Mystery-Roman, der die Frage stellt: Was passiert, wenn das Unmögliche plötzlich zur Normalität wird? Plaschka wählt für seine Erzählung ein Setting, das man in der deutschsprachigen Fantasy selten findet – die ligurische Küste mit ihrem mediterranen Flair, ihren engen Straßen und der Nähe zum Wasser. Diese Kulisse ist mehr als nur Hintergrund; sie wird Teil der Geschichte, die zwischen Melancholie und Spannung oszilliert.
Worum geht es in Die Geister von La Spezia?
Die Handlung kreist um eine Gruppe von Menschen, die sich in La Spezia wiederfindet, als die ersten Geistererscheinungen beginnen. Es sind keine monströsen Spukgestalten, sondern Abbilder von Verstorbenen, die sich durch die Stadt bewegen, als wären sie noch am Leben. Manche reagieren auf ihre Umgebung, andere scheinen in Schleifen gefangen, wiederholen dieselben Bewegungen, dieselben Gesten. Die Protagonist:innen – darunter eine junge Frau, die nach La Spezia gekommen ist, um dem Alltag zu entfliehen – müssen sich nicht nur mit der verstörenden Präsenz der Geister auseinandersetzen, sondern auch mit den Fragen, die diese aufwerfen: Sind es wirklich die Toten? Was wollen sie? Und warum gerade hier?
Der zentrale Konflikt entwickelt sich aus dem Versuch, das Phänomen zu verstehen. Es gibt keine klaren Regeln, keine Erklärungen, die sich einfach aus Büchern oder Legenden ableiten lassen. Stattdessen müssen die Figuren selbst Zusammenhänge erkennen, Muster entdecken und dabei mit ihren eigenen Ängsten umgehen. Plaschka baut Spannung nicht durch actionreiche Szenen auf, sondern durch die zunehmende Erkenntnis, dass La Spezia zu einem Ort geworden ist, an dem die bekannten Gesetze nicht mehr gelten. Eine Schlüsselszene spielt sich in einem verlassenen Café ab, wo eine der Geistergestalten einen Espresso trinkt – eine alltägliche Geste, die in diesem Kontext beklemmend wirkt. Die Geschichte verzweigt sich in verschiedene Erzählstränge, die langsam zusammenlaufen und ein größeres Bild enthüllen, das weit über eine simple Geistergeschichte hinausgeht.
Die Figuren
Im Zentrum steht eine Protagonistin, deren Name und Hintergrund Plaschka bewusst erst nach und nach preisgibt. Sie ist nach La Spezia gekommen, um Abstand zu gewinnen – von einem Verlust, der in ihrem Leben eine Leerstelle hinterlassen hat. Ihre Wahrnehmung der Geister ist anfangs von Skepsis geprägt, doch als sie erkennt, dass das Phänomen real ist, beginnt sie, eine persönliche Verbindung zu den Erscheinungen zu entwickeln. Plaschka zeigt sie nicht als furchtlose Heldin, sondern als jemanden, der zwischen Neugier und Abwehr schwankt. Ihre Reaktionen sind nachvollziehbar: Sie versucht zunächst, die Geister zu meiden, dann sucht sie den Kontakt, um zu verstehen.
Neben ihr agiert ein Ensemble von Figuren, die alle ihre eigenen Gründe haben, in La Spezia zu sein. Da ist der ältere Mann, der behauptet, seine verstorbene Frau unter den Geistern gesehen zu haben – eine Figur, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung balanciert. Seine Szenen gehören zu den emotional stärksten des Buches, weil Plaschka hier die Frage aufwirft, ob die Geister Trost spenden können oder nur alte Wunden aufreißen. Dann gibt es eine Forscherin, die versucht, das Phänomen wissenschaftlich zu erfassen, und dabei an ihre Grenzen stößt. Sie repräsentiert den rationalen Blick, der hier an Glaubensfragen stößt.
Die Dynamik zwischen den Figuren ist von Misstrauen und vorsichtiger Annäherung geprägt. Niemand weiß, ob die anderen die Wahrheit sagen, ob ihre Begegnungen mit den Geistern echt sind oder Einbildung. Plaschka nutzt diese Unsicherheit, um Konflikte zu schaffen, die über das Übernatürliche hinausgehen. Es geht um Glaubwürdigkeit, um die Frage, wem man vertrauen kann, wenn die Realität selbst ins Wanken gerät. Die Figuren sind keine Archetypen, sondern Menschen, die versuchen, mit etwas Unfassbarem umzugehen – und dabei ihre eigenen Überzeugungen hinterfragen müssen.
Schreibstil und Atmosphaere
Plaschka schreibt in einer ruhigen, fast meditativen Sprache, die der Geschichte ihre besondere Atmosphäre verleiht. Die Erzählperspektive wechselt zwischen verschiedenen Figuren, bleibt aber stets in der dritten Person. Dieser Wechsel ermöglicht es, die Geistererscheinungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und so ein vielschichtiges Bild zu erzeugen. Die Sätze sind nicht überladen, aber präzise in ihren Beschreibungen. Wenn Plaschka eine Straße in La Spezia schildert, dann riecht man das Salz der Luft, spürt die Wärme der Sonne auf den Steinen, sieht die Schatten, die sich in den Gassen sammeln.
Das Pacing ist bewusst langsam gehalten. Plaschka nimmt sich Zeit, Szenen aufzubauen, lässt die Stimmung wirken, bevor er zur nächsten Wendung überleitet. Das kann für Leser:innen, die schnelle Action erwarten, zunächst ungewohnt sein. Aber genau diese Langsamkeit ist es, die dem Buch seine Kraft gibt. Eine typische Szene könnte so aussehen: Die Protagonistin sitzt in einem kleinen Restaurant, beobachtet die Menschen um sich herum – und plötzlich bemerkt sie eine Gestalt, die nicht ganz da zu sein scheint, deren Konturen verschwimmen. Die Szene bleibt ruhig, es gibt keinen Schrei, keine Flucht. Stattdessen ein stilles Entsetzen, das sich in den Gedanken der Figur niederschlägt.
Der Schreibstil erinnert an europäische Literatur, die sich nicht scheut, auch Stille und Leerstellen zu nutzen. Wer Bücher liest, in denen Atmosphäre wichtiger ist als Plot-Twists, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Plaschka vertraut darauf, dass seine Leser:innen bereit sind, sich auf dieses Tempo einzulassen und die Zwischentöne zu hören.
Was Die Geister von La Spezia besonders macht
Was dieses Buch von vielen anderen Fantasy-Titeln abhebt, ist die Art, wie Plaschka das Übernatürliche behandelt. Die Geister sind keine Bedrohung im klassischen Sinne. Sie greifen nicht an, sie verfolgen niemanden. Sie sind einfach da – und genau das macht sie so unheimlich. Die Geschichte verzichtet auf simple Erklärungen oder magische Regeln, die am Ende alles auflösen. Stattdessen bleibt eine gewisse Ambiguität bestehen, die zum Nachdenken anregt. Sind die Geister Erinnerungen, die sich materialisiert haben? Sind sie Projektionen der Lebenden? Oder existieren sie tatsächlich als eigenständige Entitäten?
Ein weiteres besonderes Element ist das Setting. La Spezia ist keine erfundene Fantasy-Welt, sondern eine reale Stadt, die Plaschka mit viel Liebe zum Detail beschreibt. Diese Bodenhaftung gibt der Geschichte eine zusätzliche Dimension. Die Vermischung von Realem und Übernatürlichem wirkt dadurch noch eindringlicher. Man könnte selbst nach La Spezia reisen und die Orte besuchen, an denen die Geschichte spielt – und würde sich fragen, ob man nicht selbst eine Geistergestalt sehen könnte.
Thematisch berührt das Buch Fragen von Verlust, Erinnerung und der Unmöglichkeit, loszulassen. Die Geister sind auch Metaphern für das, was wir zurücklassen, wenn Menschen aus unserem Leben verschwinden. Plaschka entwickelt diese Themen aber nie plakativ, sondern lässt sie durch die Handlung und die Reaktionen der Figuren sprechen. Das gibt dem Buch eine emotionale Tiefe, die über das Genre hinausweist.
Fuer wen ist Die Geister von La Spezia das richtige Buch?
Dieses Buch ist für alle, die Fantasy mögen, die leise daherkommt. Wer große Schlachten, epische Magie oder rasante Action sucht, wird hier enttäuscht. Stattdessen bekommen Leser:innen eine Geschichte, die ihre Spannung aus dem Unheimlichen, dem Unerklärlichen zieht. Fans von Matt Haigs The Midnight Library werden die philosophische Tiefe schätzen, auch wenn Plaschkas Ansatz düsterer ist. Wer klassische Geistergeschichten liebt – etwa von M.R. James oder Shirley Jackson – findet hier eine moderne Variante, die das Genre neu interpretiert.
Auch für jüngere Leser:innen ab 14 Jahren ist das Buch geeignet, sofern sie bereit sind, sich auf ein ruhigeres Erzähltempo einzulassen. Es gibt keine expliziten Gewaltszenen, aber die Atmosphäre kann beklemmend sein. Die Themen – Verlust, Tod, das Nicht-Loslassen-Können – sind universell und werden so behandelt, dass sie auch für ein jüngeres Publikum nachvollziehbar sind.
Nicht geeignet ist das Buch für Leser:innen, die klare Antworten und aufgelöste Handlungsstränge erwarten. Plaschka lässt bewusst Fragen offen, und nicht jeder Erzählfaden wird sauber zu Ende geführt. Wer das als unbefriedigend empfindet, könnte mit dem Ende hadern. Auch wer wenig Geduld für beschreibende Passagen hat, wird hier nicht glücklich. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt eine Geschichte, die lange nachhallt – nicht durch Schockmomente, sondern durch ihre stille Intensität.
❓ Häufige Fragen zu Die Geister von La Spezia
Worum geht es in Die Geister von La Spezia?
Das Buch folgt einer Handlung voller übernatürlicher Phänomene in der italienischen Stadt La Spezia. Mysterium und Fantasy verflechten sich zu einer packenden Erzählung über Geister und verborgene Geheimnisse. Leser erwarten dich auf eine Reise zwischen Realität und dem Übernatürlichen.
Fuer wen ist Die Geister von La Spezia geeignet?
Das Buch richtet sich an Fantasy-Enthusiasten und Fans übernatürlicher Geschichten. Leser, die atmosphärische Erzählungen mit mystischen Elementen schätzen, werden begeistert sein. Ideal für alle, die Literatur mit italienischem Flair und geheimnisvollen Wendungen lieben.
Ist Die Geister von La Spezia Teil einer Serie?
Dies ist ein in sich geschlossenes Werk von Oliver Plaschka. Das Buch kann unabhängig gelesen werden, ohne Vorkenntnisse notwendig zu machen.
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