Nachts beginnt die Realität zu zerfasern und die Alpträume bleiben. Was in den ersten Stunden nach dem Aufwachen noch wie die übliche Desorientierung wirkt – dieser klebrige Film aus Traumfetzen, der sich über den Morgen legt – wird bei manchen Menschen zur Dauerschleife. Die Grenze zwischen Wach und Schlaf löst sich auf. Annika Strauss nimmt diesen alltäglichen Horror, den jeder kennt, der schon mal nach einem Albtraum schweißgebadet hochgeschreckt ist, und dreht ihn bis zum Anschlag weiter. „REM“ heißt ihr Roman, benannt nach jener Schlafphase, in der unser Gehirn die wildesten Kapriolen schlägt. Was als psychologische Grenzerfahrung beginnt, entwickelt sich zu einem Abstieg in Bereiche, die das rationale Denken nicht mehr fassen kann. Strauss interessiert sich nicht für billige Schockeffekte oder Gore. Sie zerlegt das Fundament unserer Wahrnehmung, Stein für Stein, bis nichts mehr trägt.
Worum geht es in REM?
Laura Bergmann arbeitet in einem Schlaflabor. Freiwillige lassen sich dort über Nacht verkabeln, während Kameras jeden Augenaufschlag dokumentieren und Monitore die Hirnaktivität in bunte Kurven übersetzen. Routinearbeit, könnte man meinen. Doch dann taucht ein Patient auf, dessen Schlafmuster alle bekannten Schemata sprengen. Die REM-Phasen dehnen sich aus, werden länger, intensiver. Und gleichzeitig häufen sich bei den Mitarbeitern des Labors eigenartige Vorfälle: Sie träumen alle dasselbe. Nicht nur Motive oder Stimmungen – nein, identische Szenarien, bis ins Detail übereinstimmend. Lücken im Gedächtnis nach dem Aufwachen. Objekte, die ihren Platz wechseln. Laura beginnt nachzuforschen und stößt auf frühere Fälle, bei denen ähnliche Anomalien dokumentiert wurden. Menschen, die behaupteten, in den Träumen anderer gewesen zu sein. Patienten, die nach bestimmten Schlafphasen nie wieder aufwachten – nicht tot, aber auch nicht lebendig im herkömmlichen Sinn. Je tiefer Laura in die Materie eindringt, desto weniger kann sie sich darauf verlassen, dass ihre eigenen Wahrnehmungen real sind. Die Nächte werden zum Schlachtfeld, die Tage zu einem unsicheren Waffenstillstand. Und der mysteriöse Patient im Labor scheint der Schlüssel zu allem zu sein – oder das Einfallstor für etwas, das dort draußen in der Traumlandschaft auf seine Chance wartet.
Die Figuren
Laura ist keine klassische Heldin. Sie ist kompetent in ihrem Job, aber emotional abgekapselt. Ihre Beziehungen laufen seit Jahren auf Sparflamme, Freundschaften pflegt sie kaum noch. Die Arbeit ist ihr Refugium, der einzige Ort, an dem klare Regeln gelten – bis diese Regeln plötzlich nicht mehr funktionieren. Strauss zeigt Laura als jemanden, der Kontrolle braucht, um zu funktionieren. Jemand, der vor Jahren etwas erlebt hat, das sie nie verarbeitet hat und das sich jetzt, in den Zwischenräumen zwischen Wachen und Schlafen, wieder Bahn bricht. Die Art, wie sie mit den zunehmenden Anomalien umgeht, ist glaubwürdig: Erst Verleugnung, dann hektische Rationalisierungsversuche, schließlich eine Art kalter Fatalismus.
Marc, ihr Kollege im Labor, wirkt anfangs wie der typische Sidekick – der lockere Wissenschaftler, der Lauras Ernst mit Witzen zu kontern versucht. Doch Strauss lässt ihn nicht in dieser Rolle verharren. Er hat seine eigenen Abgründe, seine eigenen Gründe, warum er sich für Schlafforschung interessiert. Die Dynamik zwischen ihm und Laura funktioniert, weil beide nicht auf emotionale Nähe aus sind, sondern auf Erklärungen. Ihre Zusammenarbeit wird zum gemeinsamen Überlebenskampf, ohne dass es kitschig wird.
Dann ist da der Patient. Strauss verrät seinen Namen nie. Er bleibt eine Ziffer, ein Objekt der Forschung – und gerade das macht ihn unheimlicher. Seine seltenen wachen Momente sind die verstörendsten Szenen des Buchs. Er spricht in Fragmenten, als hätte er Zugang zu Informationen, die er nicht haben kann. Als wäre er nie ganz da, immer mit einem Teil von sich selbst noch in einer anderen Ebene verhaftet. Die Frage, ob er Opfer oder Täter ist – oder beides – treibt die Handlung voran.
Schreibstil und Atmosphäre
Strauss schreibt nüchtern, fast klinisch. Besonders in den Laborsequenzen liest sich das wie ein Forschungsprotokoll. Uhrzeiten, Messwerte, objektive Beobachtungen. Dann kippt eine Szene, und plötzlich ist nichts mehr objektiv. Die Sprache wird diffus, Sätze brechen ab, Zeitsprünge schleichen sich ein. Diese Technik könnte anstrengend sein, ist aber perfekt dosiert. Man merkt als Leser genau, wann die Realität brüchig wird, ohne dass es einem explizit gesagt werden muss.
Die Traumsequenzen sind keine psychedelischen Fieberträume. Strauss bleibt auch hier präzise. Ihre Albtraumlandschaften folgen einer verdrehten Logik, die man erst bemerkt, wenn man versucht, sie zu durchschauen. Ein Flur, der zu lang ist. Ein Gesicht, das fast vertraut aussieht, aber eben nur fast. Räume, die ihre Geometrie ändern, sobald man nicht mehr hinsieht. Das Tempo ist dabei bewusst langsam. Lange Passagen, in denen scheinbar wenig passiert, aber die Spannung immer weiter anzieht. Kein Actionfeuerwerk, sondern ein schleichendes Gefühl, dass etwas fundamental falsch läuft. Man liest das nicht nebenbei vor dem Einschlafen – außer man steht auf Selbstquälerei.
Was REM besonders macht
Horror über Träume und Schlaf gibt es reichlich. Strauss unterscheidet sich dadurch, dass sie die Wissenschaft ernst nimmt. Die Beschreibungen der Schlafphasen, der neuronalen Prozesse, der Überwachungstechnik – das ist recherchiert, nicht nur Kulisse. Gleichzeitig biegt sie diese Grundlage in Richtungen, die rational nicht mehr erklärbar sind, ohne dass es willkürlich wirkt. Die Regeln dieser Welt ändern sich, aber sie ändern sich konsequent.
Thematisch geht es um mehr als nur Grusel. Strauss lotet aus, was Identität bedeutet, wenn das Bewusstsein nicht mehr zuverlässig funktioniert. Wenn Erinnerungen von außen kommen können. Wenn die Grenze zwischen Selbst und Anderem porös wird. Die Frage „Wer bin ich?“ wird hier zur existenziellen Bedrohung, nicht zur philosophischen Fingerübung.
Ein weiterer Punkt: Das Buch vermeidet die üblichen Horrorklischees. Keine billigen Jumpscares in Textform. Keine dämonischen Entitäten, die klar als Böse markiert sind. Das Verstörende an „REM“ ist die Unklarheit. Man weiß bis zum Schluss nicht genau, ob hier eine externe Bedrohung am Werk ist oder ob es die menschliche Psyche selbst ist, die sich gegen ihre Träger wendet. Diese Ambiguität bleibt bestehen, auch wenn die Auflösung kommt. Und ja, es gibt eine Auflösung – keine befriedigende im klassischen Sinn, aber eine, die dem Rest des Buchs gerecht wird.
Für wen ist REM das richtige Buch?
Wer Stephen Kings „Insomnia“ oder Paul Tremblays psychologische Gratwanderungen schätzt, ist hier richtig. Strauss bedient ähnliche Register: die langsame Eskalation, die Unsicherheit der Wahrnehmung, die Auflösung der Realität von innen heraus. Allerdings ist „REM“ düsterer, klaustrophobischer. King lässt seinen Figuren oft noch Momente der Hoffnung. Strauss tut das seltener.
Nicht geeignet ist das Buch für Leser, die schnelle Action brauchen oder klare Erklärungen erwarten. Wer Horror als Spektakel konsumiert, wird hier frustriert sein. Das hier ist Arbeit. Man muss sich konzentrieren, Hinweise zusammensetzen, Ambivalenzen aushalten. Auch wer mit offenen Enden nicht klarkommt, sollte vorsichtig sein. Strauss beantwortet ihre Fragen, aber nicht so, dass man das Buch zufrieden zuklappen und zur Tagesordnung übergehen kann.
Die Altersempfehlung ab 16 ist angemessen, allerdings weniger wegen expliziter Gewalt (die ist rar) als wegen der psychologischen Intensität. Das hier geht unter die Haut, bleibt da. Wer eh schon Schlafprobleme hat, sollte sich das zweimal überlegen. Andererseits: Genau diese nachhaltige Verstörung ist das, was guten Horror ausmacht.
❓ Häufige Fragen zu REM
Worum geht es in REM von Annika Strauss?
REM ist ein psychologischer Horror-Roman, der die Grenzen zwischen Realität und Alptraum verschwimmen lässt. Die Geschichte folgt verstörendem Plot, der mit atmosphärischen Horror-Elementen den Leser in eine Spirale von Angst und Verwirrung zieht.
Für wen ist REM geeignet?
REM richtet sich an erwachsene Horror-Enthusiasten, die psychologisch komplexe und verstörende Erzählungen schätzen. Der Roman eignet sich für Leser, die sich gerne in düstere, atmosphärische Welten begeben und intensive Horror-Erfahrungen suchen.
Ist REM Teil einer Serie?
REM ist ein eigenständiges Werk von Annika Strauss und nicht Teil einer mehrteiligen Serie.
Interessiert? REM jetzt entdecken.
Würde dich ein psychologischer Horror, der sich zwischen Traum und Wirklichkeit abspielt, fesseln?
* Affiliate-Link. Bei einem Kauf erhalten wir eine kleine Provision – der Preis bleibt für dich gleich.

